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Herzgeschichten
Hat ein fremdes Herz eine Seele?
Lebt diese fremde Seele nach einer
Herztransplantation im Körper
des anderen Menschen weiter?
Kurze Zusammenfassung des Inhaltes dieser Seite
Erst heute werden Ärzte und Psychologen aufmerksam auf ein unheimliches Phänomen: Vor allem nach Herztransplantationen übernehmen viele Empfänger Gewohnheiten und Vorlieben des Spenders. Oder sie haben Erinnerungen an das Leben dieses Menschen, den sie gar nicht kennen. Was steckt dahinter?
Das Auswechseln von Organen gehört zur medizinischen Routine,
doch Transplantationen erschüttern das menschliche Selbstverständnis die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Ist es möglich, dass Patienten durch die Transplantation von Organen Vorlieben und Abneigungen, Erinnerungen, Ängste und Wünsche der Spender »erben«? Kurz: Wandert die Seele mit?
Paviane überleben zwischen 26 und 96 Tage
Bruno Reichart, Direktor der herzchirurgischen Abteilung am Klinikum Großhadern der Universität München, und Christopher McGregor von der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota arbeiten daran, dass in naher Zukunft Schweineherzen in Menschen verpflanzt werden können.
Besonders intensiv hat sich der amerikanische Kardiologe Dr. Paul Pearsall mit Persönlichkeitsveränderungen nach Herztransplantationen beschäftigt.
Er interviewte mehr als hundert Herzempfänger, die glaubten, eine Verbindung zu dem verstorbenen Organspender zu spüren. Ihre Angaben überprüfte er, indem er die Empfänger selbst und ihre Familienangehörigen ebenso wie Verwandte und Freunde der Organspender befragte.
Solche Ergebnisse werfen für Transplantationsforscher viele Fragen auf:
Sind all diese Veränderungen Folgen der Krankheit, der Operation, der jahrelangen psychischen Belastung, der Medikamente oder ist es tatsächlich so, dass ein Teil des Spenders im Körper des Empfängers weiterlebt? Und wenn Letzteres zutrifft: Wie können Organe überhaupt Erinnerungen speichern
Gedanken, Gefühle, Ängste und Träume finden demnach wohl nicht nur im Gehirn, sondern auch im Herzen statt.
All das, so Forscher Schwartz, wird dort codemäßig gespeichert und an alle Zellen weitergegeben. Und dieses »zelluläre Erinnerungsvermögen« wandert mit einem Spenderherzen in den Körper des Empfängers.
Eine Neurotransplantation wirft aber nicht nur psychologische Fragen auf.
Auch juristische Probleme sind denkbar. Ein Beispiel: Ein Patient, der nach der Transplantation einen Mord begeht, müsste unter Umständen straflos bleiben Er könnte sich ja darauf berufen, dass das fremde Gewebe in seinem Gehirn die Tat begangen habe.
Wie tot ist wirklich tot?
Schließlich bleibt noch zu klären, wann ist ein Mensch wirklich tot, um aus seinem Körper Organe zu entnehmen. Eine Beschwerde vor dem Bun-
desverfassungsgericht und neue Forschungsergebnisse über Nah-Tod-Erlebnisse lassen die Hirntod-Diskussion wieder aufleben.
Täglich werden Leben durch Transplantationen gerettet
Sogar die Verpflanzung von Herzen ist heute fast schon medizinische Routine.
Doch erst jetzt wurden Ärzte und Psychologen aufmerksam auf ein unheimliches Phänomen: Vor allem nach Herztransplantationen übernehmen viele Empfänger Gewohnheiten und Vorlieben des Spenders. Oder sie haben Erinnerungen an das Leben dieses Menschen, den sie gar nicht kennen. Was steckt dahinter?
Debbie Vega liegt auf der Intensivstation, sie hat ein neues Herz eingepflanzt bekommen. Als sie die Augen aufschlägt, wird sie von der Krankenschwester ge-fragt: »Kann ich Ihnen etwas bringen, worauf Sie besonders Lust haben?« Debbie lächelt: »Für mein Leben gern hätte ich jetzt ein Bier.« Was daran so besonders ist? Debbie ist Abstinenzlerin, vor der Transplantation konnte sie Alkohol nicht aus-
stehen. Fünf Monate nach der Operation fährt die 47-jährige Amerikanerin zum ersten Mal wieder Auto. Sie steuert als Erstes ein Fast-Food-Restaurant an, obwohl sie dieses Essen noch nie gemocht hat. Nun aber befällt sie immer wieder ein unerklärlicher Heißhunger auf Chicken-Nuggets. Als sich auch noch ihr Musikge-
schmack radikal ändert die Klassik-Liebhaberin hört plötzlich am liebsten Rap , wird ihr die Sache unheimlich. Hat ihr neues Verhalten vielleicht etwas mit der Transplantation zu tun?
In den USA erfahren die Patienten meistens, wer ihnen das Organ gespen-
det hat, so auch Debbie
Sie sucht die Familie ihres Spenders auf. Der Besuch wird zum Schockerlebnis. Denn sie hört Verblüffendes über Howie Vareen, den Spenders ihres Herzens, der bei einem Unfall ums Leben gekommen war: »Fast Food war Howies Lieblingsge-
richt.« In seiner Motorradjacke steckte noch eine mit Chicken-Nuggets gefüllte Box. Auch die Lust auf Bier, die Debbie seit der Operation verspürt, stammt offenbar von dem 18-Jährigen, ebenso ihr neu erwachtes Interesse an Rap-Musik. die berechtigte Frage lautet also: Hat sie mit dem neuen Herzen neue Persönlichkeits-Facetten bekommen? Allem Anschein nach ist das nicht mehr auszuschließen.
Transplantationen erschüttern das menschliche Selbstverständnis die Wahrnehmung des eigenen Körpers.
Ist es möglich, dass Patienten durch die Transplantation von Organen Vorlieben und Abneigungen, Erinnerungen, Ängste und Wünsche der Spender »erben«? Kurz: Wandert die Seele mit? Immer mehr Menschen können heute durch Organ-
spenden gerettet werden. Jährlich werden in Deutschland fast 4000 Menschen Organe implantiert. Schätzungsweise 54000 Herzen wurden bislang weltweit verpflanzt; 470000 Nieren, 74000 Lebern und 10000 Lungen haben schon im 20. Jahrhundert den »Besitzer« gewechselt. Dabei hat sich auch gezeigt: Das Aus-
wechseln von Organen gehört zwar inzwischen zur medizinischen Routine, doch Transplantationen erschüttern das menschliche Selbstverständnis die Wahrneh-
mung des eigenen Körpers.
Immer wieder können Mediziner beobachten: Allein schon die Vorstellung von einer Allo-Transplantation, der Verpflanzung eines Organs von Mensch zu Mensch, löst »Organfantasien« aus. Nach einer Umfrage an der Medizinischen Universitätsklinik Hannover würde sich jeder dritte Transplantationspatient unwohl fühlen, das Organ eines Selbstmörders oder eines Kriminellen eingepflanzt zu bekommen. Und eine Xeno-Transplantation, die Übertragung von tierischem Zellmaterial auf den Menschen, wird sogar von 50 Prozent abgelehnt.
Paviane überleben zwischen 26 und 96 Tage
Bruno Reichart, Direktor der herzchirurgischen Abteilung am Klinikum Großhadern der Universität München, und Christopher McGregor von der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota arbeiten daran, dass in naher Zukunft Schweineherzen in Menschen verpflanzt werden können. Die Pumpe dieser Tiere ähnelt der mensch-
lichen in Anatomie und Größe. In drei oder vier Jahren, so heißt es, könnten erste Versuche an Patienten beginnen. Bislang wird die Operation an Pavianen geübt. In München überleben die Affen mit dem Transplantat bis zu 26 Tage. In Rochester schwankt die Überlebensdauer zwischen 60 und 96 Tagen - je nachdem, ob das Schweineherz das ursprüngliche Organ ersetzt oder zusätzlich in den Bauchraum eingesetzt wird.
Diese Ergebnisse zeigen, wie sehr Organtransplantationen auch als eine »Opera-
tion« an der Persönlichkeit empfunden werden. Nur eine so genannte Phäno-
tophobia, eine unbegründete Angst vor dem Verlust des Selbst? Der Bonner Neurologieprofessor Bernhard Linke räumt immerhin ein, dass Transplantationen das Immunsystem verändern können, und dieses betrachten manche »als einen Teil der Persönlichkeit«. Bisher wurden Transplantations-Patienten kaum auf mögliche psychische Veränderungen untersucht. Denn in der Gründerzeit dieser Form der Chirurgie kümmerte man sich vor allem um die damit verbundenen biotechnologi-
schen Probleme. Erst seit etwa fünf Jahren beschäftigen sich Studien auch mit dem Leben der Patienten nach der Operation. Dabei stellte sich heraus, dass viele Empfänger eines Herzens das seltsame Gefühl haben, nicht mehr sie selbst zu sein. Gelegentlich entwickeln Patienten sogar die »Fantasie eines geteilten Körpers«.
So berichtet die österreichische Psychologin Professor Brigitte Bunzel von einer Frau, die mit dem neuen Herzen auch das Gefühl bekommen hatte, »dass noch jemand anders bei mir war«. Sie konnte noch Monate nach dem Eingriff diese seltsame, inzwischen verschwundene Empfindung beschreiben: »Auf irgendeine nicht näher bestimmbare Weise war mein Ichgefühl zu einer Art Wir geworden. Manchmal fühlte es sich so an, als ob ich meinen Körper mit einer zweiten Person teilte.«
Rund sechs Prozent der von Professor Bunzel befragten Herztransplantierten berichten von Persönlichkeitsveränderungen, die sie selbst eindeutig auf das transplantierte Herz zurückführten. Andere Studien kommen sogar auf einen Prozentsatz von 21 bis zu 31 Prozent. »Sehr viel spricht dafür, dass dieser Anteil noch wesentlich größer ist«, meint der deutsche Transplantationsforscher Kurt Stapenhorst. »Denn die Probleme, die sie bekommen haben, werden von vielen Patienten verschwiegen.«
Besonders intensiv hat sich der amerikanische Kardiologe Dr. Paul Pearsall mit Persönlichkeitsveränderungen nach Herztransplantationen beschäftigt.
Er interviewte mehr als hundert Herzempfänger, die glaubten, eine Verbindung zu dem verstorbenen Organspender zu spüren. Ihre Angaben überprüfte er, indem er die Empfänger selbst und ihre Familienangehörigen ebenso wie Verwandte und Freunde der Organspender über wichtige Lebensbereiche wie Ernährung, Sexualität oder Berufswelt befragte. (17 Fälle veröffentlichte er im »Journal of Near-Death-Studies«.) Ergebnis: Bei über zehn Prozent der Herz-Empfänger waren nach der Operation zwei bis fünf frappierende Parallelen zum Spender aufgetreten. So empfand etwa die achtjährige Danielle keinerlei musische Neigungen vor der Operation. Doch mit dem Herzen eines 18 Jahre alten Jungen bekam sie auch dessen Leidenschaft zum Komponieren.
Ein 47 Jahre alter Arbeiter ohne kulturelle Ambitionen, dem man die Leber eines jungen Geigers übertragen hatte, versetzte seine Umgebung plötzlich mit der Liebe zur klassischen Musik in Erstaunen. Und eine 35-jährige Frau, die das Herz eines Callgirls erhalten hatte, gab zu Protokoll: »Ich hatte nie viel Interesse an Sex. Heute aber kann ich nicht genug bekommen und lege sogar einen Strip für meinen Mann hin. «Manchmal nehmen die Überschneidungen zwischen Spender und Empfänger frappierende Züge an. Ein Junge, der das Herz eines ertrunkenen Kleinkinds implantiert bekam, zeigte danach eine irrationale Furcht vor Wasser.
Solche Ergebnisse werfen für Transplantationsforscher viele Fragen auf:
Sind all diese Veränderungen Folgen der Krankheit, der Operation, der jahrelangen psychischen Belastung, der Medikamente oder ist es tatsächlich so, dass ein Teil des Spenders im Körper des Empfängers weiterlebt? Und wenn Letzteres zutrifft: Wie können Organe überhaupt Erinnerungen speichern und wie können diese übertragen werden? »Das Herz ist der Schlüssel zu diesem Rätsel«, behauptet Professor Gary Schwartz von der University of Arizona. »Es ist innerhalb des gesamten Körpers der stärkste ›Generator‹ elektromagnetischer Energie.«
Tatsächlich kommen vom Herzen mehr als 5000 mV (Millivolt) Strom. Das Gehirn produziert viel weniger; 100 bis 140 mV. Mit der Herz-Energie könnte man eine kleine Glühbirne zum Leuchten bringen. Nicht weniger erstaunlich ist das magne-
tische Feld des Herzens. Dieses ist sogar 5000-mal stärker als das des Gehirns. Mit empfindlichen Magnetometern und EKGs kann es nicht nur an jeder Stelle des Körpers aufgespürt werden, es lässt sich auch noch in 30 bis 40 Meter Entfer-
nung orten; wird also nicht durch die Haut gestoppt.
»Diese Energie zirkuliert durch unser gesamtes System«, meint Professor Schwartz. »Dabei könnten Informationen aufgenommen und an jedes Organ übermittelt werden.« Der Forscher verweist dazu auf neueste Erkenntnisse der noch jungen Wissenschaft der Psycho-Neuro-Kardio-Immunologie. Danach lassen sich Hormone und Zellen des Gehirns im gesamten Körper feststellen. Auch das Gehirn findet sich also im ganzen Körper! Chemische Gehirnsubstanzen, so genannte Neurotransmitter, die sowohl im Gehirn als auch im Herzen gefunden wurden, zeigen nach Ansicht von Professor Schwartz, »dass es eine direkte neurochemische und elektrochemische Kommunikation zwischen Herz und Hirn gibt, die weit über die bekannte, rein neurologische Verbindung hinausreicht«.
Gedanken, Gefühle, Ängste und Träume finden demnach wohl nicht nur im Gehirn, sondern auch im Herzen statt.
All das, so Forscher Schwartz, wird dort codemäßig gespeichert und an alle Zellen weitergegeben. Und dieses »zelluläre Erinnerungsvermögen« wandert mit einem Spenderherzen in den Körper des Empfängers. Könnten demnach Signale, die ein solches Spenderherz auch nach seiner Transplantation ausstrahlt, Informationen erhalten, die dem früheren Besitzer »am Herzen lagen«? Dass es tatsächlich ein »Zell-Gedächtnis« gibt, ist unbestritten. Die renommierte Evolutionsbiologin Lynn Margulis beschreibt die Funktionsweise der Zellen mit dem Begriff »zelluläres Bewusstsein«, über das in primitiver Form auch Bakterien und Einzeller verfügen.
Auch weiß man aus der Neurologie, dass bestimmte Schmerzerfahrungen in Nervenzellen gewissermaßen »fortgeschrieben«und dadurch am Leben erhalten werden können. Solche Schmerzen klingen nicht ab, sie bleiben bestehen nd machen Menschen das Leben zur Qual, obwohl kein organischer Befund mehr vorliegt und sie nach Schulmedizinischer Auffassung völlig gesund sind. »Spezielle Proteine werden an bestimmten Stellen der Nervenzelle gespeichert und bilden die Grundlage für ein zelluläres Gedächtnis, eine Art ›Schmerzgedächtnis‹«, erklärt dazu der Münchner Neurologe Friedrich Strian. Jüngst haben amerikanische Forscher bei Tierversuchen dafür sogar sichtbare Spuren im Gehirn entdeckt.
Bieten solche Erkenntnisse auch Erklärungshilfen für das seltsame Erlebnis der 37-jährigen Amerikanerin Catherine Bechman, in der das Herz eines elfjährigen Jungen schlägt, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam? Seit der Operation klagt Catherine über Rückenschmerzen. Schließlich lässt sie sich behandeln. Doch die Chiropraktikerin versucht über mehrere Wochen vergeblich, Catherine von dem Leiden zu befreien. Schließlich äußert die Heilpraktikerin eine vage Vermutung. Ob es nicht sein kann, dass Catherines Schmerz mit der Stelle übereinstimmt, an der das Kind vom Auto angefahren wurde? Catherine nimmt Kontakt mit der Familie des Spenders auf und erfährt: Der Junge wurde beim Unfall tatsächlich genau dort am Rücken verletzt, wo sie jetzt Schmerzen hat.
In noch tiefere, unbewusste Ebenen hinein reicht der geradezu gespen-
stisch anmutende Fall eines zehnjährigen Mädchens, welches das Herz einer Achtjährigen erhalten hatte.
Seit der Operation wurde die Organempfängerin von so schweren Albträumen heimgesucht, dass ihre Eltern sie in psychologische Behandlung schickten. In den Sitzungen berichtet das Kind detailgenau davon, umgebracht zu werden. Das schien so realistisch, dass die Psychologin die Polizei zu diesem Fall hinzuzog. Die Experten waren fassungslos: Die Informationen der Träume entpuppten sich in allen Details als so korrekt, dass der Mörder des achtjährigen Mädchens, von dem das Herz stammte, identifiziert und verurteilt werden konnte.
Leben Organspender nach dem Tod im fremden Körper weiter?
Ist der Tod doch nicht das Ende unserer persönlichen Geschichte? Auf solche Fragen gibt es keine wissenschaftlichen Antworten. Auch der Fall des Kindes, das den Mord an seiner Organspenderin träumte, lässt sich wissenschaftlich nicht erklären. Doch so viel haben Experimente immerhin gezeigt: Zwischen den einzelnen Zellen unseres Körpers und unserem Gehirn besteht eine besondere Verbindung.
Bei einem Versuch der INSCOM (Intelligence and Security Command der US-Army) wurden Probanden weiße Blutzellen (Leukozyten) entnommen und in ein Reagenzglas gefüllt. In den Zellbrei steckte man eine supersensible Sonde, die an einen Lügendetektor angeschlossen war. Dann wurden den Testpersonen in einem anderen Raum Videos mit Gewaltszenen vorgeführt. Das Überraschende: Der Detektor zeichnete »erhöhte Erregungszustände« auf bei den Blutzellen im Reagenzglas! Weitere Tests ergaben, dass die Wirkung bis in eine Entfernung von 75 Metern zwischen Spender und Zellen unvermindert anhielt und das selbst noch zwei Tage nach der Zellentnahme. Beide »Systeme« waren demnach irgendwie miteinander verbunden. Und die Spenderzellen schienen sich daran zu »erinnern«, woher sie gekommen waren. Man kann zumindest vermuten, dass diese Verbindung auch weiterbesteht, wenn Organe transplantiert werden.
Müssen Menschen, die Organe spenden oder erhalten, also Angst vor einer »Mischpersönlichkeit« haben?
Vor einem ungewollt »innigen« Kontakt zu einem fremden Menschen, der ihr eigenes Leben mitbestimmt? Zahlreiche Wissenschaftler halten solche Ängste für völlig übertrieben. In ihren Augen gibt es für die mysteriösen Fälle von »Seelen-
übertragung« bei Transplantationen eine natürliche Erklärung. Der Psychologe Oliver Decker zum Beispiel meint, dass viele Patienten dazu neigen, sich »ihren« Spender so intensiv auszufantasieren, dass sie auf seltsame Weise mit ihm eins zu werden scheinen. Decker: »Organempfänger machen sich sehr viele Gedanken über die Spender, und manche versuchen sogar. sich genauso zu ernähren, wie es der Spender getan haben könnte. Andere wiederum versuchen, ihre Wohnung nach seinem Geschmack einzurichten.« Nach seiner Beobachtung sind es vor allem herztransplantierte Patienten, die sich so intensiv in den Toten einfühlen, den sie nie kennen gelernt haben.
Auch der Kardiologe John Schroeder vom Stanford Medical Center erklärt sich zumindest einen Teil der Persönlichkeitsveränderungen durch ganz unspektakuläre Ursachen. So erhalten die Organempfänger Medikamente, die das Geschmacks-
empfinden beeinflussen und neue Essensvorlieben hervorrufen können. Vor allem aber: Die Erfahrung, dem Leben wiedergegeben zu werden, kann ausreichen, um persönliche Neigungen und Verhaltensweisen zu ändern
Unbestritten bleibt:
Die psychologischen Folgen einer Transplantation sind gewaltig. »Vielleicht können die Ärzte und Therapeuten sie ausblenden, die Betroffenen können es jedoch nicht und geraten oft in eine qualvolle Isolierung«, sagt die Psychologin Elisabeth Wellendorf. »Da wir uns für ihr Erleben so wenig interessieren, haben sie das Gefühl, bei ihnen stimme etwas nicht. Nicht selten schämen sie sich für etwas, das Ausdruck ihrer Sensibilität ist. «Unbestritten ist auch: Die durch Transplantationen erzeugten psychischen Probleme werden in Zukunft nicht geringer. Im Gegenteil. Denn nach Herz- Leber-, Nieren- und Lungenverpflanzungen stehen wir am Anfang einer neuen Ära der Neurorevolution. Forscher, Ärzte, Neurologen sind jetzt auf dem Weg, mit spektakulären Eingriffen das menschliche »Königsorgan« zu erobern. Mit der Einpflanzung fremder Hirnzellen wollen sie Alzheimer, Parkinson, Hirnschlag, Taub- und Blindheit kurieren.
Ist nach solchen Eingriffen der Mensch noch er selbst?
»Die Identität ist durchaus infrage gestellt«, erklärt Neurologe Bernhard Linke. «Letztlich wissen wir nicht mehr, wer das Denken, Fühlen und Bewegen steuert das eigene oder das fremde Gewebe.«Bei einer Neurotransplantation wird sogar Gewebe einer anderen Spezies hinzugezogen; etwa Zellen aus einem Schweine-
hirn. Kann es demnach passieren, dass ein Mensch, dem Schweinehirnzellen eingepflanzt worden sind, zu grunzen beginnt? »Es gibt keine ›Grunzzelle‹ im Schweinegehirn, die diesen Laut auslöst«, sagt Professor Linke. »Und selbst wenn man ganze Teile aus dem Grunzzentrum des Schweinehirns verpflanzen würde, ist nicht anzunehmen, dass der menschliche Empfänger anfinge zu grunzen.
Doch klar ist: Das fremde Gewebe stößt eine Umorganistion des Empfängerhirns an. Und fatalerweise wissen wir nicht, was wir da in Gang setzen.«Die psychischen Folgen bei der Verpflanzung von Hirngewebe sind bislang kaum untersucht. Die wenigen bisher durchgeführten Studien aber zeigen, »dass sich die Patienten um einen persönlichen Zugang zu ihrem Transplantat bemühen«, sagt Georg Northoff von der Harvard University in Boston. Er hat zahlreiche Gespräche mit Parkin-
sonpatienten geführt, denen Stammzellen von Feten ins Gehirn »eingeschleust« worden waren. »Ein Patient meinte zu mir: ›Ich meditiere täglich, damit meine neuen Zellen wachsen können.‹« Ein anderer Patient glaubte Schwedisch sprechen zu können, weil sein Zelltransplantat aus Schweden stammte.
Eine Neurotransplantation wirft aber nicht nur psychologische Fragen auf.
Auch juristische Probleme sind denkbar. Ein Beispiel: Ein Patient, der nach der Transplantation einen Mord begeht, müsste unter Umständen straflos bleiben Er könnte sich ja darauf berufen, dass das fremde Gewebe in seinem Gehirn die Tat begangen habe. Und da nicht zu klären ist, ob das zutrifft, käme der Grundsatz »Im Zweifel für den Angeklagten« zum Tragen.
Auch noch weitere Perspektiven eröffnet das Bio-Zeitalter. So wird es wohl Implantate aus biotechnologisch veränderten Fremdzellen oder elektronische Brain-Chips geben, die jedes gewünschte Hirnareal stimulieren. Dann könnte man sich zum Beispiel zu einem geistigen oder sportlichen Supermann operieren lassen. Aber: Dürfen Ärzte das? Gehört es zu unserem Grundrecht auf freie Persönlich-
keitsentfaltung, dass wir uns hirnchirurgisch »modellieren« lassen? Wird es in Zukunft »geistige Schönheitschirurgie« geben?
Noch viel weiter ist der amerikanische Neurochirurg Robert White schon jetzt mit Versuchstieren gegangen. Er implantierte Affen nicht nur Gehirnzellen, sondern transplantierte ihnen ganze Köpfe. Nun wartet er auf einen unheilbar kranken Krebs-patienten, der bereit wäre, seinen Kopf auf den intakten Körper eines Hirntoten aufsetzen zu lassen. Ist an diesem Punkt eine Grenze erreicht, über die kein auch noch so fähiger Chirurg gehen darf? Die Fragen, die sich hier auftun, sind Schwin-
del erregend.
Doch klar ist schon jetzt: Viel mehr noch als die Transplantation von Herzen oder Lebern wird die Neurotechnologie das menschliche Selbstverständnis und damit grundlegende Prinzipien unserer Kultur auf den Prüfstand stellen. Und: Diese Technologie wird Folgen haben, die wir heute wohl noch nicht einmal erahnen.
Wie tot ist wirklich tot?
Schließlich bleibt noch zu klären, wann ist ein Mensch wirklich tot, um aus seinem Körper Organe zu entnehmen. Eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungs-
gericht und neue Forschungsergebnisse über Nah-Tod-Erlebnisse lassen die Hirntod-Diskussion wieder aufleben. Die langwierige rechtspolitische Diskussion um die Organtransplantation brachte das Thema in den 90er Jahren in die breite Öffentlichkeit. Das Transplantationsgesetz, das Ende 1997 in Kraft trat, setzte den Hirntod als entscheidendes Moment zur Feststellung des Todes eines Menschen.
Heute wird ein Mensch nicht mehr als tot betrachtet, wenn es zu einem Herz-Kreis-
lauf-Stillstand gekommen ist, sondern wenn sein Gehirn irreversibel ausgefallen ist. Aber schon beginnt die Diskussion, ob man das Kriterium des Ganzhirntodes durch das weitaus problematischere des Teilhirntodes ersetzen, ob letztlich der körperliche Tod dem Tod der Persönlichkeit oder dem sozialen Tod weichen soll.
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